a life less ordinary ?

the egghead diaries


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Tag 17953

Schock im Morgengrauen. Rosinante XII, des capt’ns treues Pferd unterm Schreibtisch, klagte wiehernd sein Leid.

Rosinante XII ist normalerweise ein sehr ruhiges Pferd in den besten Jahren, eingebaut in einem schallgedämmten Gehäuse und versorgt mit mehreren langsam drehenden und dadurch unhörbaren Furzquirlen sowie einer lüfterlosen Grafikkarte, ist es nicht zu hören. Doch heute früh wieherte es, und die LEDs der Displays blinkten im Takt, statt ein Bild anzuzeigen.

Nun hatte der capt’n ja unter der Woche noch nicht genügend Blech von A nach B und wieder zurück getragen, also verschwand er noch vor dem ersten Vogelbad Kaffee unterm Schreibtisch und befreite Rosinante XII zunächst aus seinem Stall am Teleskopbein des Schreibtischs.

Das fehlende Vogelbad Kaffee rächte sich umgehend, denn in seinem Tran baute er zunächst natürlich die falsche Seitenwand ab, und starrte folglich verwirrt auf die Rückseite des Mainboards. Nur wenige Schrauben später begutachete er Rosinantes Eingeweide. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Staub sich in den eineinhalb Jahren seit der letzten Inspektion doch in einem Gehäuse ansammeln kann. Rosinante XII war innerlich zwar nicht so fellbewachsen wie die Kisten die bei den Kunden in den Schaltwarten stehen, aber trotzdem erstaunlich dreckig.

Nachdem er um diese Uhrzeit sowieso noch nicht vernünftig gucken kann, machte er zunächst eine kurze Überprüfung nach Gehör. Und als er sein Ohr in Richtung Netzteil bewegte, war dieses hochfrequente Pfeiffen am oberen Ende der hörbaren Skala wieder zu vernehmen. Blitzschnell richtete er sich auf und sah aus dem Fenster, ob der Nachbarshund sich noch normal verrückt aufführte, oder schon Schaum vorm Maul hatte. Der Nachbarshund war jedoch nicht da und konnte somit bei der Diagnose nicht weiter helfen.

Was tun ? Widerwillig packte er Jaws IV aus, das Inbetriebnahme-Notebook. Normale Menschen wären damit sicher zufrieden, aber 2 mal 27 Zoll Arbeitsumgebung sind einfach etwas deutlich anderes als ein Mäusekino in der Form eines Kofferraumdeckels. Jaws IV funktionierte wie erwartet störungsfrei – und des capt’ns Herzklappen begannen, wieder in einem halbwegs gesunden Takt zu wummern. Er machte sich das erste Vogelbad. Aber was sollte er mit Rosinante XII machen ?

Sein Vertrauen in Schrauber ist nicht besonders hoch. Andererseits ist der 24-Stunden-vor-Ort-Service des Herstellers zwar prinzipiell eine prima Sache, nicht jedoch wenn einem Samstag früh das Pferd verreckt und man nicht das Wochenende zwei Meter von der Türklingel entfernt verbringen will, bis der Techniker da ist. Der capt’n überlegte. Da gab es den einen großen Schrauber in der Innenstadt, bei dem Samstag früh aber vermutlich die Hölle los sein würde. Und da gab es den anderen fast in Laufweite, dessen Vorgänger er vor dessen Pleite mal getestet und für untauglich befunden hatte. Sollte er erstmal hinfahren und nachsehen ob der Nachfolger auch die inkompetenten Schrauber ausgewechselt hatte ? Und dann vielleicht Rosinante XII holen ?

Auf der Treppe runter zum Raumschiff entschloß er sich um, rannte wieder hoch, baute die Datenplatten raus, und wuchtete Rosinante XII sofort in den Kofferraum.

Nun rächte sich jedoch, dass er bislang nur ein Vogelbad Kaffee intus hatte. Denn auch wenn Schrauber prinzipiell in einem anderen Gehege des selben Zoos leben, funktionieren sie doch genau wie er – vor zehn Uhr wissen sie wie sie heissen und sonst nix. Und so stand er um 09:20 Uhr zuerst vor dem Schrauber um die Ecke, und zehn Minuten später vor dem Schrauber in der Innenstadt vor verschlossenen Türen. Es zeichnete sich ab, dass es wohl irgendwie ein Scheisstag werden würde.

Also ging er zunächst einkaufen. Dachte er. Denn er hatte zwar viel dabei, nur kein Portemonnaie – und die Münzen in den diversen Raumschiffablagen reichten gerade für zwei Croissants, mit denen er das Raumschiff vollends vollbröselte, während er fluchend zurück ins Raumdock fuhr um Geld und Papiere zu holen.

10:05 Uhr hatte er die erste Tour durch die City beendet, stand wieder vor dem Raumdock und machte vor Runde zwei einen kurzen Check: Kippen, Kohle, Karten, Valium, alles da.

Und so fuhr er erneut los. Der Schrauber um die Ecke hatte nicht nur umfirmiert, sondern umgebaut, und scheinbar auch die Bulettenwender des Vorgängers an die Luft gesetzt. Während er kurz schilderte was seine Vorabdiagnose war, fühlte er sich verstanden und gut aufgehoben. Also brachte er Rosinante XII rein. Der Schrauber klemmte ihr Netzteil ab,  schloß sein Testnetzteil an und siehe da, Rosinante trabte fröhlich durch den Laden.

Nun stellte der capt’n die Masterfrage, wie schnell man das tauschen könne. Er rechnete mit einem wortreichen Monolog, der in einem „naja, sobald wir die Teile da haben, brauchen wir noch ungefähr drei Wochen“ gipfeln würde. Doch der Schrauber sagte: „Wenn Sie das Express haben wollen, können Sie drauf warten.“.

Der capt’n staunte. Und wollte. Und sah dem Schrauber zu, wie er fachmännisch Rosinantes Eingeweide umsortierte, neu zusammensetzte, den neuen Kabelstrang sauber mit einem Dutzend Kabelbindern befestigte, und sie nach knapp 30 Minuten hochfuhr als wäre nichts gewesen.

Und der Preis ? „Express“ ist ja gefühlt vergleichbar mit „Platin-Service“, und man muss dafür meist recht große Münzen durch die Tür rollen. Weit gefehlt. Der ganze Spaß kostete ganze 20 (!) Euro, zuzüglich des Netzteils natürlich. Das ist geschenkt, und er hätte auch das Dreifache bezahlt ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Das war exzellenter Service. So was ist man ja schon gar nicht mehr gewohnt. Und Rosinante XII hängt wieder in ihrem Stall unterm Schreibtisch.