a life less ordinary ?

the egghead diaries

It’s a jungle out there

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Kilometer 367. Es hat 20 Grad und Sonne.

Der capt’n hat noch 4 Kilometer bis zur Ausfahrt, als vor ihm wildes Gebremse und Gekurbel beginnt. Stau.

Da steht er nun, morgens um kurz nach halb 10, hat kein Knoppers, davor 50 Meter vor sich einen Schweinetransporter. Er hatte an der Raststätte ein paar Kilometer zuvor noch überlegt, eine Kleinigkeit zu essen – aber er wäre ja bald da. Gut, er wird jedoch keinesfalls verhungern, was immer passieren mag. Er geht gerade auf der Autobahn spazieren als ihm auffällt, dass auch auf der Gegenspur Ruhe herrscht.

Statt Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr kommt nach einer halben Stunde auf der Standspur ein Radfahrer vorbei – auch kein alltägliches Bild.

Kurz nach halb 12, nachdem er vor Langeweile

  • die komplette Betriebsanleitung des Raumschiffs gelesen hat (erstaunlich, was das Ding alles kann, er hätte sie früher lesen sollen!)
  • die Armaturen und die Fenster von innen geputzt hat (hey, das ist gar kein getöntes Glas, das war nur dreckig!)
  • die genaue Montage von Leitplanken vom in der Baustelle anwesenden Personal der Strassenmeisterei erklärt bekommen hat
  • mit dem Fahrer des BMW-Transporters neben sich eine Kurzbesichtigung des neuen 6ers (chic, aber zu teuer) und des neuen 1ers (zu klein) gemacht hat

ist er kurz davor, einen Schlagschrauber zu nehmen und selber ein paar Leitschienen zu montieren … sie zu demontieren wäre ihm zwar lieber, würde aber wenig helfen, um abseits der Piste weiterzukommen müsste er einen Bergepanzer fahren.

Stattdessen schaut er dem Fahrer des Schweinetransportes zu, wie dieser mit einer Mistgabel bewaffnet eine hungrige Meute daran hindert, seine Ladung bei schönstem Sommerwetter mitten auf der A14 zu grillen und St. Christopherus als Brandopfer darzubringen – die litauischen Fahrer der drei Sattelzüge 100 Meter weiter sind in ernsthafte Verhandlungen eingetreten und wollen sein Nein nicht gelten lassen.

Ein paar Kilometer vor ihm kreist ein Sportflugzeug über der Autobahn, vermutlich um sich die Szenerie anzuschauen. Es ist idyllisch. Der capt’n öffnet das Dach, legt die Hax’n auf die geöffnete Tür und hört Radio. Als er kurz vorm Einschlummern ist, kehrt der Radfahrer zurück und meldet, dass sie die Standspur wieder frei gemacht hätten.

Alles springt hektisch auf die Hocker, lässt die Motoren an, und wartet, dass es weiter geht. Der capt’n lässt die Hax’n wo sie sind und lauscht, wie die Motoren einer nach dem anderen wieder ausgehen … 3 Kilometer Stau lösen sich nunmal nicht von jetzt auf gleich auf.

Als er eine halbe Stunde später am Unfallort vorbei kommt, ist die Szenerie weiter weniger idyllisch. 3 Sattelzüge, auf der linken Spur, direkt hinter dem Baustellenende, haben … irgendetwas furchtbar falsch gemacht. Das Führerhaus des mittleren liegt auf der rechten Spur, von der örtlichen Feuerwehr durch Hydraulikscheren fachmännisch getrennt vom Rest der vollkommen zerknüllten Zugmaschine. Auflieger stehen und liegen wie ein Haufen wirklich grosser Bauklötze in der Gegend herum. Ein einsamer Feuerwehrmann kehrt vergeblich dass fussballsfeldgrosse Schlachtfeld. Es sieht ein bisschen aus wie in Pearl Harbour während Schwerlastkräne versuchen, den Schrott aus dem Weg zu bekommen.

28 Stunden später, Kilometer 310. Es ist stürmisch, er muss tatsächlich mit beiden Händen lenken.

Geraume Zeit schon hat der capt’n dem Thermometer beim Fallen zugesehen, ausgehend von 12 Grad hatte es sich auf den Kuppen im Thüringer Wald der Marke von 4 Grad genähert. Während er den Rest seines Kaffees schlürft und sein profundes Halbwissen über Thermodynamik abruft, setzt von einem auf den anderen Augenblick Graupel ein. Und er überlegt sich, ein wenig langsam zu tun und schert aus der Kolonne aus, während links die anderen Kollegen der drei-Liter-Fraktion aus München, Ingolstadt, Zuffenhausen und Stuttgart an ihm vorbei ziehen und weiter ihr Rennen austragen.

Sie verschwinden hinter dem nächsten Hügel am Horizont.

Er trifft sie zwei Minuten später wieder auf der letzten Kuppe bei Bad Lobenstein. Während der Boxter 50 Meter abseits der Autobahn einen Parkplatz in einem frisch gepflügten Acker gefunden hat, haben die Freunde aus Ingolstadt und Stuttgart die Luftwiderstandbeiwerte und Restwerte ihrer Karossen dramatisch verschlechtert. Der 5er gilt als Sieger des Rennens, er hat nur seine Frontschürze demontiert, eine perfekte 180-Grad-Wende vollführt, und steht nun verkehrt herum auf der mittleren Spur.

Der capt’n steigt aus um zu sehen ob es allen gut geht … und macht sich neben der Fahrertür erstmal lang. Die Strasse ist spiegelglatt, 4 Grad, Graupel und Sturm sind eine gefährliche Mischung.

Allen geht es gut, die Fahrer sind nur ein ganz klein wenig blass. Während sich alle gegenseitig versichern, dass es ihnen gut geht, hören sie von weiter hinten weiteres Bremsenquitschen und Krachen … die Graupelfront zieht offenbar nach Norden.

Der capt’n muss seinen Spesensatz erhöhen. Denn er braucht dringend einen Satz neue Nerven.

2 Kommentare zu “It’s a jungle out there

  1. Aprilwetter heißt nicht umsonst Aprilwetter. Da hat der Capt’n auf der Rückfahrt aber Glück gehabt, dass die Raumschiffgummis die Graupelglätte ignorierten. „Dumm wie ein Reifen“ kann manchmal auch lebensrettend sein.

    Und was die Fraktion der auch geistigen Tiefflieger betrifft: ganu darauf setzt ja die Automobilindustrie. Nachhaltigkeit in der Käuferschicht.

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