a life less ordinary ?

the egghead diaries


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Neulich auf dem Golfplatz

Tina ist Arzthelferin. Sie gehört zum Inventar der Privatpraxis von Dr. Hekyll and Mr. Jive. Ich kenne Tina schon lange. Ich kenne sie mit langen Haaren, mit Schweinelöckchen, in allen Farben von platin bis nussbaum. Sie war auch Opfer der hormonbedingten Kurzhaarfrisur, die Frauen ab Mitte 30 ab und an mal befällt. Das heitere Frisurenraten liefert jedes Jahr eine gewisse Vorfreude auf einen Besuch in der Praxis.

„Siebenuhrvierzig ? Sind sie betrunken ? Da weiß ich nicht mal meinen Namen !“ rief ich ins Telefon, als wir den Termin aushandelten.
„Na gut, wie wäre es zehn nach acht ?“
„Nicht wirklich besser, aber bis dahin habe ich wenigstens einen Kaffee im Gesicht.“
„Ok, abgemacht, bitte kommen Sie nüchtern“, flötete sie ins Telefon.
„Ist recht, paar Tage nach meinem Geburtstag sollte ich wieder nüchtern sein“, flötete ich zurück.
„Neinein, ich meine, Sie sollen nicht frühstücken.“
„Ja, ich auch.“

Auch wenn sie äusserlich eine professionelle Arzthelferinnnendarstellerin abgibt, ganz tief in ihrem Innern schlummert in Tina eine Tattoo-Stecherin. Die einmal jährlich aus ihr raus will. Warum das seit Jahren immer genau der Tag ist, an dem Dr. Hekyll and Mr. Jive bei mir die grosse Inspektion machen, ich weiß es nicht, ich habe es einfach als gottgegeben akzeptiert. Von den drei Terminen der grossen Inspektion ist der erste immer der schlimmste.

Und so sass ich heute morgen mal wieder im Behandlungszimmer. Tina beklopfte den linken Arm von oben bis unten, liess mich die Faust ballen bis mir die Knöchel weiß wurden, und wulcherte fröhlich mit dem butterfly in meiner Armbeuge rum.
„Gleich hab‘ ich’s.“ „Mhmm.“ Im Geiste gab ich der Gebetsmühle einen weiteren Schubser.

Sechs Stiche später hatten wir einen Teil des Golfplatzes fertig, aber kein Blut. Tina verlegte sich auf den Unteram. Kurz darauf hatte sie ein wunderschönes dogleg par vier in meinen Unterarm gestochen und schaute fast so verkniffen drein wie ich.

„Hmm, das ist bei Ihnen aber schwierig“, befand sie, und begann, den rechten Arm zu malträtieren. „Mhmm.“ Ein weiterer Schubser.

Vier weitere Fehlversuche später meinte ich:
„Sie wissen aber schon, wenn Sie die Tinte beim Stechen vergessen, gehen die ganzen schönen Muster wieder weg, die bleiben nicht, und grad das da ist wirklich gelungen.“
Tina blickte mich deutlich irritiert an, meinte jedoch: „Einen Versuch mache ich noch.“ Noch ein Schubser.

Fünf Minuten später sass ich auf meinem Stuhl, zerstochen als ob ich in einem Bienenkorb genächtigt hätte, immernoch im Vollbesitz meines Bluts. Tina schlich von dannen und kam mit Dr. Hekyll zurück.

„He Doc, wir sind nur noch ein Loch vor’m Clubhaus, geben Sie mir jetzt den Rest?“
„Wie ist Ihr handicap ?“ fragte Dr. Hekyll mich.
„Mein handicap ist, dass ich halbnackt auf Ihrem Stuhl sitze, friere, und mir vorkomme wie im Land der Fakire. Ihr handicap ist, dass Tina nach Tagesanbruch eigentlich zurück in der Kiste sein sollte.“

Dr. Hekyll biss sich auf die Lippen. Aber er ist Profi. Mit geübtem Blick fand er eine an sich inexistente Ader im Handrücken und jubelte die Nadel hinein. Auf den ersten Versuch. Hole in one.

Tina blieb verschwunden, bis sie mir ein EKG, eine Sonographie, ein Herzecho und zwei Stunden später ein Rezept aushändigte.

Eine von den 8 Kanülen Blut wurde einem Schnelltest unterzogen, und wir haben einen Gewinner. Die zwanghafte Angewohnheit anders zu sein als die anderen Kinder hat mich natürlich nicht zu den 95% gehören lassen, die einen simplen viralen Infekt haben und deshalb die Gegend vollrotzen. Ich gehöre zu den 5% die sich eine bakterielle Infektion aus dem oberen Regal genommen haben. Hach, ich liebe Antibiotika.